Das grosse Fest begann am Morgen, 21. September 2018, mit dem Freundeidgenössischen Schiessen am Grauholz, im Schiessstand Sand. Ganz in der Nähe steht auf einer Anhöhe das Schlachtdenkmal Grauholz mit der Widmung „Seid Einig“. Zahlreich waren Schützinnen und Schützen erschienen. Diszipliniert und begeistert wurde geschossen und getroffen. Ganz in guter alter Tradition.

Vollends wieder im Ancien Régime angekommen fühlte sich die Schreibende am Mittag, bei der offiziellen Begrüssung der Ehrengäste auf Berner Boden, auf der Münsterplattform. Es fehlte in diesem illustren Kreis von Präsident Burgergemeinde Bern, Bernhard Ludwig, Zibelegring Rolf Dähler, Regierungspräsident Christoph Neuhaus, Präsident Stadtschützen Bern, Ueli Augsburger, Präsident Synodalrat Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn, Pfr. Andreas Zeller, den Korpskommandanten Aldo C. Schellenberg und Daniel Baumgartner und dem Abt von Einsiedeln, Urban Federer, sowie Vertretern aus Wirtschaft, Armee und Politik, wirklich nur noch Mme. de Meuron.

Den Reigen der Festredner eröffnete Regierungspräsident Christoph Neuhaus mit dem Dank an die Stadtschützen Bern, die ihren Weg seit 200 Jahren verfolgt haben. „Sie haben diesen Staat Bern getragen, Sie haben den „Kitt“ der Freiheit in diesem Staatenbund der alten Kantone verstärkt, bis 1848 der moderne, liberale Bundesstaat entstehen konnte“. Das sei – immer noch – das Fundament der heutigen Schweiz und er hofft, auch immer noch der Geist der Stadtschützen Bern, in einer Zeit, wo so viele andere Gräben aufreissen statt Brücken zu bauen; wo so viele laut brüllen und „chlepfen“, aber selten ins Schwarze treffen. „Die Stadt, unser Kanton, unser Land, wir alle brauchen diesen „Kitt“, den die Schützinnen und Schützen in unsere Gesellschaft bringen.“

Abt Urban Federer aus Einsiedeln meint humorvoll, 1818, dem Gründungsjahr der Stadtschützen Bern, wäre es unmöglich gewesen, den Abt eines katholischen Klosters einzuladen und auch noch eine Rede halten zu lassen. Je weiter weg von Bern, desto besser. Souveränität ist ihm ein wichtiges Anliegen. Im Kloster lebt man eine innere Freiheit, überzeugt von den Werten der Bescheidenheit und dem Glauben an Gott. Abt Urban Federer erwähnt Josef Zemp aus dem Entlebuch, ein grosser Politiker, der im Nationalrat und im Ständerat sass und stets bestrebt war Opposition wahrzunehmen. Er hatte keine Angst vor andern Meinungen und war bereit, Verantwortung zu übernehmen. 1891 wurde er als erster Vertreter der Katholisch-Konservativen (Heute CVP) in den Bundesrat gewählt.

Vor dem Münster spielt das Militärspiel RS 16-2, und zum grossen Erstaunen zahlreicher Touristen, steht die Ehrenformation des Kantons Bern Spalier, zum Einzug der zahlreichen Gäste und befreundeten Schützenvereinen in das Münster. Wie viele mitgetragene Waffen sind in dieser Kirche sichtbar und in einer Fahnenburg sind zahlreiche Fahnen vereint! Hier soll keiner kommen und etwas verbieten wollen. Der Berner Bär reckt seine Tatzen!

Unter den Klängen klassischer Musik der Brass Band Arquebuse Genève, nimmt der Festakt im Münster seinen Verlauf. Diese Musik lässt so richtig erahnen, mit welch hoher Kunst der Architektur dieses Münster gebaut worden ist. Die Akustik ist einmalig, die Töne füllen den ganzen Raum und steigen hoch hinauf, als gäbe es gar keine Decke, nur den Weg zu Gott. Pfarrer Dr. Andreas Zeller, Präsident Synodalrat Reformierte Kirchen Bern-Jura-Solothurn, lässt denn auch die Baugeschichte des Berner Münsters aus Berner Sandstein vor unseren Ohren erstehen. Niklaus Manuel Deutsch, bekannt für seine eindrücklichen Bilder zum Basler Totentanz, war der wichtigste Berner in Zeiten der Reformation. Einer der Münsterbaumeister, Erhard Küng, schrieb ganz schlicht in eine Sandsteintafel: „Machs na“.

Dr. Ueli Augsburger, Präsident Stadtschützen Bern, nimmt Bezug auf historische Zeiten. Die 200 Jahre Stadtschützen Bern sind eine Geschichte der Wehrbereitschaft, entstanden in einer Zeit politischer Schwächen Ende des 18. Jahrhunderts. Es brauchte Regeln und vermehrte Wehranstrengungen. „Nur wer trifft, schreckt ab!“ Wir sind Waffenträger und nehmen Verantwortung an und erhalten sie. „Wir lassen uns nicht beirren!“

Bernhard Ludwig, Präsident Burgergemeinde Bern, erwähnt, dass die Stadtschützen aus den Reihen der Burgergemeinde hervor gegangen sind. 1818, 30 Jahre vor der Gründung des Bundesstaates 1848, ist das Jahr der neuen Militärverfügung für die Amtsschützengesellschaft zur Verbesserung der Wehrertüchtigung des Milizpersonals. Bogenschützen gab es bereits 1646. Und er ist stolz darauf, dass es der Schützenfamilie Stadtschützen Bern nicht an Nachwuchs mangelt.

Korpskommandant Aldo C. Schellenberg, Chef Operationen und Stv des Chefs der Armee spricht nicht Bärndütsch sondern Züritüütsch. Doch auch ihn versteht man ausgezeichnet. Nach dem Überbringen der Grüsse des CdA, KKdt Philippe Rebord, nimmt KKdt Schellenberg Bezug auf das Werk Gottfried Kellers, „Das Fähnlein der sieben Aufrechten“ und der Figur der Mutter Hediger in der Novelle. Schiessen ist ein vaterländischer Sport.

Nun zieht der Referent einen Vergleich zum Rebstock, Wurzeln, Blätter und Früchte. Eines kann ohne das andere nicht gedeihen. Unsere Armee ist der Rebstock, die Schützengesellschaften sind die Wurzeln. Er stellt folgende Grundsätze auf: Wir sind uns unserer Herkunft bewusst und wir stehen dazu. Wir gehören zusammen und wir sorgen füreinander. Wir kämpfen gemeinsam. Das Schiesswesen ist Ausdruck unverzichtbarer Werte. Die Schützengesellschaften leisten einen wichtigen Beitrag an die vordienstliche militärische Ausbildung und begeistern die Jugendlichen dafür. Beispiele sind das Zürcher Knabenschiessen, der Thuner Ausschiesset (Kadettenwesen), Jungschützenkurse. Er geht mit seinen Gedanken aus der Vergangenheit Keller’scher Literatur zur Gegenwart, zur Allgemeinen Wehrpflicht, dem Obligatorischen Schiessen und dem Spitzensport. Schliesslich fördert das jährliche Feldschiessen, das grösste Schützenfest der Welt, die Schützenkameradschaft, obwohl es ein freiwilliges Schiessen ist. Das heutige Jubiläum ist sehr viel Freiwilligenarbeit, Miliz. KKdt Schellenberg schliesst seine Festrede mit den Worten: „Die Schweiz braucht Sie, die Schützen, als staatstragende Verbindung. Der Herrgott beschütze unser liebes Vaterland!“

Tief beeindruckt tritt die Schreibende aus dem Münster an die Sonne, die sich zeitweise hinter Regenwolken versteckt. Hat Abt Urban mit Petrus einen Pakt geschlossen? Er hat.

Denn jetzt formiert sich auf dem Münsterplatz der Umzug durch die Altstadt über die Kornhausbrücke zum Kursaal. Alle Ehrengäste, Gäste, die Stadtschützen und die befreundeten Schützenvereine in wunderschönen historischen Uniformen und den passenden Waffen. Die Berner Dragoner 1779 hoch zu Ross, dann die Fähnriche mit den Vereinsfahnen. Es hat teilweise erstaunlich junge Gesichter darunter. Also lassen sich nach wie vor junge Männer für die Bewahrung historischer Traditionen begeistern. Waffen, Waffen, wohin man schaut. Von der Hellebarde über Spiesse, bis Langgewehre des 19. Jahrhunderts. Da geht einem das Herz auf und das in der Bundeshauptstadt. Wir marschieren. Kurz vor dem Zytgloggeturm steht der Umzug still. Die Ehrenformation der Burgergemeinde Bern lädt ihre Gewehre und schiesst eine Ehrensalve. Es muss „chlepfe“ und nach Pulverdampf riechen, sonst ist das nichts Rechtes.

Vor dem Kursaal haben sich die Berner Dragoner noch einmal aufgestellt und bilden buchstäblich eine richtige Strassensperre. Das rote Tram wartet geduldig. Endlich sind alle im Kursaal angelangt und genau da endet der Vertrag mit Petrus. Vom „Güsche“ her fegen Windböen daher und bald regnet es in Strömen. Wir sind alle am Trockenen und jetzt wird gefeiert mit reichlich Speis und Trank. Zum Bankett gibt es nochmals freundschaftliche Tischreden, Grussadressen und die Musik der Genfer Brass Band bildet den musikalischen Rahmen.

Der letzte Höhepunkt bilden die Rangverkündigung des Grauholzschiessens und die Grussbotschaft von Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Er fasst sich kurz und prägnant. Die Rangverkündigung wird mit Spannung erwartet. Von 154 Teilnehmenden waren 13 Frauen. Von den Stadtschützen Bern hat Kirchen Daniela das Maximum von 50 Punkten geschossen. Sie trägt nicht mehr ihre Sportbekleidung sondern ein elegantes, schwarzes Ensemble und Schuhe mit hohen Absätzen. Von den Gästen ist Camenzind André im ersten Rang, von der Ehrenformation Rütli-Waldstättersektion, ebenfalls mit 50 Punkten. Es wird gejubelt und gratuliert, Geschenke werden verteilt. Die ganzen Ranglisten können auf der Website www.stadtschuetzen-bern.ch eingesehen werden. Die Bilder mögen einen Eindruck der Stimmung vermitteln. „Gut Schuss“ für die Zukunft!

Four aD Ursula Bonetti

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